Leben auf dem Mars
Historische Vorstellungen
Der Mars hat die Vorstellungen der frühen spekulativen
Astrobiologie noch weit mehr beflügelt als die Venus.
Der Mars ist, was schon früh erkennbar war,
offensichtlich der der Erde ähnlichste Planet, auch
wenn er wesentlich kleiner und leichter ist. Seine
durchsichtige Atmosphäre, die es schon immer erlaubte,
auch mit kleineren Teleskopen Einzelheiten der
Oberfläche auszumachen, dachte man sich etwas dünner
als die der Erde, ansonsten aber weitgehend gleich.
Die mit den Jahreszeiten ihre Größe ändernden Polkappen
hielt man für Wassereis, lokale temporäre Verfärbungen
ins Grünliche gar für ausgedehnte Vegetationsflächen,
kurz, der Mars war in der Vorstellung eine kleine,
etwas trockene und kalte Erde.
1877 glaubte der italienische Astronom Schiaparelli
Kanäle auf dem Mars entdeckt zu haben, die in der Folge
die öffentliche Phantasie derart erregten, dass man
vermeinte, darin sogar ein künstliches Bewässerungsnetz
einer marsianischen Zivilisation sehen zu dürfen. Die
Vorstellung, der Mars sei von intelligenten Wesen
bewohnt oder zumindest bewohnt gewesen, wurde zu einer
allgemein verbreiteten Idee. In seinem berühmten Roman
Krieg der Welten liess H. G. Wells Anfang des 20.
Jahrhunderts die Marsianer auf der Erde einfallen,
während in den 20er Jahren ein deutscher Ingenieur im
Ernst vorschlug, mittels starker Leuchtsignale mit den
Marsianern in Kontakt zu treten. 1938 verursachte ein
auf dem genannten Buch basierendes Hörspiel von Orson
Welles im Radio eine Panik in New York, weil die
Nachricht von der angeblichen "Invasion vom Mars" für
echt gehalten wurde.
Bis auf den heutigen Tag gibt es eine ganze Reihe von
pseudowissenschaftlichen Theorien, die auch weiter eine
versunkene Zivilisation auf dem Mars propagieren
wollen. Als Zeugnisse werden immer wieder das so
genannte "Marsgesicht", die "Marspyramide" und diverse
"Marsruinen" ins Feld geführt, obwohl vollkommen klar
ist, dass es sich dabei in jedem Fall um natürliche
geologische, nicht einmal besonders bemerkenswerte
Formationen handelt. Die oben erwähnten "Marskanäle"
indessen haben sich als optische Täuschung
herausgestellt, so weit es sich nicht wenigstens zum
Teil um tatsächlich vorhandene natürliche Talsysteme
handelt.
Noch bis in die 50-er Jahre hielten auch
ernstzunehmende Wissenschaftler den Mars für wenigstens
so weit lebensfreundlich, dass auf ihm die Existenz
einer Flora aus Flechten und Moosen für gut möglich,
wenn nicht gar für wahrscheinlich gehalten wurde.
Die wenig lebensfreundliche Umwelt des Mars
Mit der genaueren Erforschung des Mars durch
interplanetare Sonden erhielten solche Vorstellungen
einen Rückschlag. Man erkannte, dass auf dem Mars doch
deutlich andere Umweltbedingungen herrschen, als man
sich vorgestellt hatte.
Zunächst sah der Mars auf den ersten, noch
schwarz-weissen Bildern der frühen Mariner-Sonden aus
der Nähe sogar dem Mond ähnlicher als der Erde. Die
Oberflächentemperaturen betragen zwischen eisigen
minus 130 Grad Celsius und höchstens 15 Grad Celsius,
dies aber nur zur Mittagszeit im Sommer am Äquator.
Der atmosphärische Druck entspricht nicht etwa, wie man
früher dachte, vielleicht einem Zehntel dessen auf der
Erde, sondern nur einem Hundertstel, die Atmosphäre
besteht aus Kohlendioxid und Wasser schien zunächst
weitgehend zu fehlen. Die Polkappen schienen
hauptsächlich aus Trockeneis, also gefrorenem
Kohlendioxid, zu bestehen. Darüberhinaus musste man
feststellen, dass der Mars im Gegensatz zur Erde kein
Magnetfeld besitzt, so daß die durch die
vergleichsweise extrem dünne Atmospäre ohnehin kaum
geschützte Oberfläche der Weltraumstrahlung, dem UV
und dem Sonnenwind voll ausgesetzt ist. Höhere
Organismen können an der Oberfläche allein deshalb
jedenfalls nicht überleben. Es war damit
zusammenfassend schon ziemlich unsicher, ob Leben auf
dem Mars überhaupt existieren konnte.
Erst mit zunehmender Erkundung konnte man feststellen,
dass der Mars eine ganze Welt verschiedenster
geologischer und metereologischer Phänomene beherbergt.
Mit der Landung der Viking-Sonden 1975 erlebte die
Marsforschung einen ersten Höhepunkt und
konsequenterweise hatten die Viking-Sonden auch
Experimente an Bord, die fähig sein sollten,
biologische Aktivität im Marsboden zu entdecken,
sollte sie vorhanden sein. Es erwies sich dies als
falsch, die Experimente zeigten zwar chemische
Reaktionen an, deren Natur ist aber bis zum heutigen
Tag nicht wirklich geklärt, und es wird
verschiedentlich immer noch behauptet, die Sonden
hätten in der Tat biologische Stoffwechselvorgänge
gefunden.
Jedenfalls war man bis zu einem gewissen Grade
enttäuscht, dass der Mars scheinbar so trocken und kalt
war, dass Leben auf ihm wohl eher doch nicht zu
erwarten war.
Neueste Erkenntnisse
Aber weit mehr noch als für die Venus hat sich dieses
Bild deutlich gewandelt und die Suche nach Leben auf
dem Mars wird weiter intensiviert. Inzwischen sind seit
der Landung der Viking-Sonden bald 30 Jahre vergangen,
und eine Unmenge neuer Daten zahlreicher Missionen über
den Mars lassen erkennen, dass die Verhältnisse auf
diesem Planeten unerhört differenziert sind und es
zahlreiche Hinweise auf potenzielle ehemalige und auch
rezente Lebensräume gibt.
Da ist zunächst die sichere Erkenntnis, dass es auf dem
Mars doch Wasser in ganz bedeutenden Mengen gibt, zum
Teil ist es an den Polkappen konzentriert, zum anderen
Teil liegt es gefroren im Boden vor. Zahlreiche
geologische Merkmale der Oberfläche, Täler,
Schwemmfächer, chemische Sedimente und andere, zeigen,
dass das Wasser in der Vergangenheit sogar weiträumig
in Form regelrechter flacher Seen oder gar Ozeane
flüssig an der Oberfläche vorgelegen haben muss und
vielleicht bis auf den heutigen Tag wenigstens lokal
auftaut und fließend die Oberfläche formt.
Des weiteren wird neuerdings klar, dass es auch
hydrothermale Quellen gegeben haben muss und an den
Hängen der riesigen Schildvulkane des Mars vielleicht
weiterhin gibt, so dass wenigstens lokal im Boden auch
nicht nur Wasser flüssig vorkommen kann, sondern auch
Temperaturen herrschen, die dem Leben zuträglicher sind,
als die minus 130 Grad des marsianischen Winters.
Erste mögliche Hinweise auf Leben
Inzwischen gibt es, über die Ermittlung zahlreicherer
potenzieller Lebensräume hinaus, vielleicht auch erste
konkrete Hinweise auf Lebensformen auf dem Mars:
1. Für erhebliches Aufsehen hat die Entdeckung
möglicher organischer Reste in inzwischen mehreren
Marsmeteoriten auf der Erde geführt. Von dieser
Kategorie von Meteoriten sind nur eine Handvoll
bekannt. Sie sind vor Jahrmillionen wahrscheinlich
durch ein einzelnes Impaktereignis auf dem Mars in den
Weltraum geschleudert worden und haben die Erde
erreicht. Man weiss, dass sie Gestein vom Mars
darstellen müssen, weil die Isotopenzusammensetzung
eingeschlossener Gasblasen der der Marsatmosphäre, wie
sie vor Ort durch Sonden gemessen wurde, genau
entspricht. Die besagten organischen Reste sind im
Gestein eingeschlossene dunkle Filamente im
Hunderstelmillimeter-Bereich, die in etwa aussehen, wie
manche stäbchenförmige irdische Bakterien. Schnell
wurde bezweifelt, dass es sich um biologische Produkte
handelt, denn sie sind wesentlich kleiner als die
entsprechenden Vergleichsobjekte auf der Erde, weshalb
man sie teilweise als "Nanobakterien" bezeichnet hat.
Allerdings sehen diese marsianischen Strukturen nicht
nur aus wie Bakterien, sie enthalten auch Polyzyklische
aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK, englisch PAH) und
Magnetit in karbonatischer Matrix, wie sie durch
biologische Aktivität entstehen können. Ein
Gegenbeweis ließ sich jedenfalls bisher nicht antreten,
so dass doch weiter die Möglichkeit besteht, dass wir
bereits in dieser Form Fossilien vom Mars besitzen.
Quelle: NASA/JSC
Abb. 1 u 2: Links Handstück eines der untersuchten
Marsmeteoriten (6 x 10 cm), rechts
Elektronenmikroskopfoto der bakterienähnlichen
Strukturen in Meteorit ALH84001 (etwa 1/1000 mm lang).
2. Einer der Marsrover, MER B "Opportunity", hat
Sedimentgesteine entdeckt, die im Wasser abgelagert
wurden und massenweise bis mehrere Millimeter grosse,
nahezu exakt kugelförmige Hämatit-Konkretionen
enthalten. Solche Konkretionen entstehen auf der Erde
unter Mitwirkung von Organismen, sei es, dass
abgestorbene Einzeller an ihrem Ablagerungsort durch
ihren Zerfall lokal einen chemischen Gradienten
bewirken, an dem eine konzentrische Kristallisation
von im Wasser gelösten Mineralen ansetzt, sei es, dass
eine Vielzahl solcher Organismen selber eine einzelne
Konkretion durch wiederholte Anlagerung in bewegtem
Wasser aufbauen. Wie diese so genannten "Blueberries"
(nach ihrer Form und Größe einfach als "Blaubeeren"
bezeichnet) auf dem Mars entstanden sind, ist unklar.
Sicherlich kommt auch jederzeit eine anorganische
Entstehung in Betracht, aber Art und Weise der Verteilung
im Gestein, die gleichförmige Größe und die gesamte Art
des Vorkommens in einem eindeutigen Sediment eines
Salzsees oder Ozeans erweckt biogene Vorstellungen.
Quelle: NASA/JPL
Abb. 3: Kugelige Hämatitkonkretion ("blueberry", etwa 5
mm) in feingeschichtetem Sedimentgestein an der
Landestelle von MER B "Opportunity".
3. Der europäische Orbiter "Mars Express" hat 2004 fast
zeitgleich mit einem russischen Forscher Methan in der
Atmosphäre des Mars entdeckt. Vor dieser Entdeckung
wäre man nahezu sicher gewesen, dass Methan in der
Marsatmosphäre Leben anzeigen würde, und man hatte die
Messung auf Methan ausdrücklich in der Erwartung,
dieses Gas nicht zu finden, durchgeführt. Methan kann
in der Atmosphäre des Mars höchstens hundert Jahre
bestehen bleiben, bis es wegen der Weltraumstrahlung
zerfällt. Das bedeutet, dass es auf jeden Fall rezente
Methanquellen auf dem Mars geben muss, die den Gehalt
der Atmosphäre an diesem Gas ständig auffrischen. Ob
das Methan unerwarteterweise aus vulkanischen Quellen
stammt oder vielleicht tatsächlich von Organismen am
oder im Boden erzeugt wird, ist sicher eine der
wichtigsten konkreten aktuellen Detailfragen der
Exobiologie.
Ausblick
Der Mars wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten
immer genauer und intensiver auch exobiologisch
erforscht werden. Einerseits liegt dies daran, dass der
Mars am leichtesten zu erreichen ist (auf der Venus zu
landen ist wegen der extremen Umweltbedingungen
ziemlich aufwendig!), andererseits daran, dass er
tatsächlich die besten Aussichten auf die Entdeckung
extraterrestrischen Lebens in unserem Sonnensystem zu
bieten scheint. Ob dies mit Experimenten vor Ort
gelingen wird, erscheint ziemlich fraglich, wenn es
Leben oder Fossilien gibt, werden diese wahrscheinlich
an zurückgebrachten Proben auf der Erde entdeckt werden.
Bemannte Missionen zum Mars scheinen dazu jedenfalls
nicht notwendig zu sein. Sie sind auch trotz
anderslautender, hauptsächlich politisch motivierter
Aussagen nicht wirklich zu erwarten. Die Kosten einer
bemannten Marsmission und die Gefahr ihres Scheiterns
einerseits sind viel zu hoch, als dass man einen
solchen Flug noch in unserem Jahrhundert
realistischerweise erwarten dürfte. Andererseits ist
die Entwicklung der Robotik und Computertechnik schon
heute so weit fortgeschritten, als dass wenigstens
perspektivisch gesehen unbemannte Missionen für jede
denkbare Aufgabe im All und auf fremden Himmelskörpern
ausreichen dürften, wenn zusätzlich auch Proben
zurückgebracht werden können.
Auf dem Mars wird man besonders solche Bereiche
robotisch vor Ort untersuchen wollen, die bereits
jetzt als potenzielle rezente oder fossile Lebensräume
erkannt worden sind. Das sind vor allem sehr
tiefgelegene Täler mit dunklen Ablagerungen, wie sie
"Mars Express" 2004 zum ersten Mal aufgenommen hat und
solche Sedimentgesteine wie sie MER "Opportunity"
ebenfalls 2004 entdeckt hat. Die oben beschriebene
Gesteinsformation mit ihren feingeschichteten
Ablagerungen und Hämatitkonkretionen ist jedenfalls so
interessant, dass eine Mission dorthin zur Probennahme
mit Rückkehr zur Erde vorauszusehen ist.
Quelle: ESA
Abb. 4: Tiefgelegenes Tal auf dem Mars. Aufnahme von Mars
Express, Bildbreite etwa 200 km. Solche Bereiche sind
für die zukünftige exobiologische Forschung besonders
vielversprechend. Hoher atmosphärischer Druck und
dunkle Talbodenablagerungen machen es wahrscheinlich,
dass dort wenigstens zeitweise Wasser gestanden hat.
Wenn rezentes oder fossiles Leben auf dem Mars gefunden
werden sollte, wird die erste Frage lauten, ob es auch
dort entstanden ist, oder, was nicht unwahrscheinlich
wäre, ob es von der über Jahrmilliarden hinweg
wesentlich lebensfreundlicheren Erde stammt. Auch der
umgekehrte Fall wäre denkbar, dass Leben auf dem Mars
entstanden ist und durch Meteoriten auf die Erde
verbracht wurde. Ein weiterer denkbarer Fall wäre, dass
das Leben von anderem Ort aus sowohl den Mars als auch
die Erde besiedelt haben könnte. Jedenfalls müßte sich
ein bestehender Verwandschaftsgrad irdischen und
möglichen marsianischen Lebens feststellen lassen.
Stellte sich heraus, dass es nicht miteinander verwandt
sein sollte, dann wäre das ein direkter Beweis dafür,
dass Leben im Weltall wahrscheinlich an vielen Stellen
vorkommt.