Leben auf Titan
Voraussetzungen auf Titan
Titan ist der größte Saturnmond und größer als der
Planet Merkur. Auf ihm sind mehrere wichtige
Voraussetzungen gegeben, die biologische Aktivität
ermöglichen könnten.
Titan besitzt, übrigens als einziger Mond des
Sonnensystems, eine nennenswerte Atmosphäre, die sogar
knapp doppelt so dicht ist wie die der Erde. Stickstoff ist
mit über 90% deren Hauptbestandteil, weitere Anteile
sind Methan und Edelgase, sowie ein geringer
Wasserdampfanteil. Man hat diese Atmosphäre oft mit der
Uratmosphäre der Erde verglichen und die titanische
Umwelt als "präbiotisch" bezeichnet. In dieser
Atmosphäre findet eine lebhafte metereologische
Aktivität statt. Methan verdampft und bildet
hochstehende Wolken, die durch schnelle Winde
weitergetragen werden und nach einiger Zeit wieder
Methan in großen Tropfen abregnen. Das Methan in der
oberen Atmosphäre ist dem UV-Licht und der
Weltraumstrahlung ausgesetzt und zerfällt zum Teil,
wobei sich höhermolekulare Kohlenwasserstoffe, darunter
Ethan, Ethin und Azetylen und andere Verbindungen wie
Cyanwasserstoff bilden, die sich zu einem natürlichen
Smog über Titan verdichten. Der Mond ist in einen
dichten bräunlich-orangefarbenen Dunst aus organischen
Verbindungen eingehüllt!
Quelle: NASA/JPL
Abb. 1: Methan-Wolken auf Titan. Diese Wolkenfelder
messen mehrere hundert Kilometer. Sie geben noch Rätsel
auf, da die Partikelgröße in ihnen zu groß für reines
Methan ist. Wahrscheinlich sind polymere biochemische
Moleküle am Aufbau der Wolken beteiligt.
Auf der Oberfläche des Titan gibt es Wasser, allerdings
nur in Form von Eis, auf dem sich aus der Atmosphäre
immer wieder Methan und die Bestandteile des
atmosphärischen Smogs als dunkler Niederschlag
absetzen.
Man kann vorerst nur spekulieren, welche weiteren
Reaktionen sich in dieser hochkomplizierten
chemisch-biochemischen Hexenküche im Zusammenspiel von
Atmosphäre und Oberfläche abspielen und welche
Verbindungen daraus entstehen könnten. Theoretisch sind
wenigstens chemisch alle Voraussetzungen für die
Entstehung von Leben in einer Ursuppe gegeben.
Ein physikalischer Parameter allerdings verhindert,
dass jemals erdenähnliches Leben auf dem Titan
entstehen könnte und zwar die Temperatur. Auf dem
Titan ist es bis minus 180 Grad Celsius kalt! Flüssiges
Wasser kommt, wenigstens auf der Oberfläche also mit
Sicherheit nicht vor, vielmehr besitzt das Eis bei
diesen Temperaturen die Härte und Zähigkeit von Stahl.
Wasser steht an der Oberfläche jedenfalls als Lösungs- und
Transportmittel für biochemische Vorgänge nicht in der
uns bekannten Form zur Verfügung. Verschiedene neue
Untersuchungen weisen aber immerhin darauf hin, dass
Kriechvorgänge im Kristallgitter von Eis und lokale
Mobilisierung durch Beimengungen, wie Ammoniak und
Salze sowie Strahlungen und UV-Licht, einen Ersatz für
das freie Fließen von Wasser im Zusammenspiel mit
biochemischen Verbindungen darstellen könnten. Entfernt
kann auch in Betracht gezogen werde, dass sich auch
Ammoniak als Lösungsmittel für biochemische Moleküle
eignen könnte oder sich vielleicht sogar flüssige
Kohlenwasserstoffe dafür eignen, auch wenn das bisher
von der Erde her nicht bekannt ist.
Noch wichtiger als das fehlende freie Wasser als
Hindernis für den Aufbau hochmolekularer biochemischer
Verbindungen oder gar für den Kreislauf von
hypothetischen Stoffwechselvorgängen ist die Tatsache,
dass chemische Reaktionen bei sinkender Temperatur
immer langsamer ablaufen. Wenn es also eine wie auch
immer geartete biologische Aktivität auf dem Titan
geben sollte, so muss diese unendlich viel langsamer
vor sich gehen, als von der Erde her bekannt.
Vielleicht aber haben 4.5 Milliarden Jahre ausgereicht,
um selbst bei diesen extrem tiefen Temperaturen auf
Titan biologische Strukturen entstehen zu lassen.
Als Energielieferanten für biochemische Prozesse kommen
das UV-Licht der Sonne, die Weltraumstrahlung oder auch
Partikelstrahlungen aus dem Magnetfeld des Saturn in
Frage.
Der Methankreislauf
Bedenkenswert ist die Tatsache, dass Titans Atmosphäre
6% Methan enthält. Ein Teil des Methans regnet von Zeit
zu Zeit ab, verdampft und steigt auf um Wolken zu
bilden. Ein Teil des Methans allerdings zerfällt in der
oberen Atmosphäre. Ein weiterer Teil des Methans wird
in energiereiche Azetylenmoleküle umgewandelt.
Eigentlich dürfte die Atmosphäre nach kurzer Zeit,
vielleicht einigen hundert oder einigen tausend Jahren,
kein Methan mehr enthalten. Es stellt sich also die
Frage, woher es immer wieder aufgefüllt wird. Gibt es
kryovulkanische Methanquellen? Oder finden Prozesse
statt, die den organischen Niederschlag am oder im
Boden wieder in Methan aufspalten und von welcher
Energiequelle könnten diese gespeist sein? Auf der
Erde ist Methan ein Abfall- oder Endprodukt
biologischer Prozesse. Es liegt ein gewisser Reiz
darin, für Titan einen ähnlichen Vorgang zu
postulieren. Der Boden wäre demnach mit super-exotischen
vielleicht mikrobenähnlichen Lebewesen bevölkert, die
sich in einer Suppe aus Wasser und Ammoniak von dem
herabregnenden Azetylen oder anderen Organika ernähren
und massenweise Methan wieder freisetzen.
Das Tholin-Experiment
Seit den achziger Jahren des 20. Jahrhunderts werden
immer wieder Experimente in künstlich simulierten
Titan-Atmosphären durchgeführt, das erste von Carl
Sagan. Sagan bestrahlte ein Gasgemisch ähnlich der
Atmosphäre des Titan (Methan, Ethan und Ammoniak)
mit Partikelstrahlung und erhielt einen teerartigen
Niederschlag, den er "Tholin" nannte (nach griech.
"tholin" für Schlamm). Tholin ist eine Mischung
verschiedener organischer Substanzen, unter anderem
auch Benzol (engl. benzene). Je nach Ausgangssituation
und Art der Energiezufuhr bilden sich verschiedene
Tholin-Mischungen. Tholine bilden zusammen mit Wasser
bereits Aminosäuren, also einen Grundbaustein des
Lebens. Schon Sagan vermutete, dass auf dem Titan
womöglich bis zu mehrere tausend Meter mächtige
Tholin-Ablagerungen existieren müssten, die sich in
Jahrmilliarden niedergeschlagen haben. In der Tat
sehen wir auf den neuesten Luftbildern der ESA-Sonde
Huygens aus dem Januar 2005 allerorten dunkle Bereiche,
die wahrscheinlich genau solche atmosphärischen
Sedimente darstellen (siehe hierzu auch das Bild
unten).
Ausblick
Die größte Chance, Lebensformen auf Titan zu finden,
bestünde sicherlich in der Tiefe, dort wo die
Temperaturen so hoch sind, dass Wasser oder
wasserhaltige Stoffmischungen auftauen und wo eventuell
eingetragene biochemische Verbindungen der Atmoshäre
und der Oberfläche schneller miteinander reagieren
können. Schon jetzt ist klar, dass es unter der
Titanoberfläche in der Tiefe solche wärmeren Zonen
geben muss, denn es sind viele Anzeichen für
Kryovulkanismus vorhanden. Woher die Wärme kommt, ist
unbekannt. Entweder gibt es im schwereren, vermutlich
silikatischen Kern des Mondes genügend radioaktive
Elemente, die ihn aufheizen oder es sind Gezeitenkräfte
des Saturn für die notwendige Erwärmung verantwortlich.
Quelle: NASA/JPL
Abb. 2: Kryovulkanische Spalten auf Titan. In diesen
Spalten steigt wärmeres flüssiges Wasser oder weiches
Eis an die Oberfläche und bildet die hier fotografierten,
mehrere Kilometer durchmessenden Eiswälle. Deutlich sind
auch die verästelten Bereiche des dunklen
atmosphärischen Niederschlags zu erkennen, der aus
höhermolekularen organischen Verbindungen besteht und
wenigstens zeitweise in regelrechten Bächen fließt, bis
er verdampft oder versickert und teerartige Sedimente
auf der Oberfläche hinterläßt.
Wir werden noch lange warten müssen, bis die Biochemie
des Titan auch nur ansatzweise verständlich wird, die
ersten Daten, die die Cassini-Mission und ihr Lander
Huygens geliefert haben, werden selbst nach
vollständiger Auswertung höchstens Hinweise darauf
geben können, wie und wo auf dem Titan weiterzusuchen
wäre. Selbst wenn wir ein Labor direkt auf dem Titan
hätten, wäre es fraglich, wie lange es dauern würde,
bis wir Lebensformen, die dort vorkommen mögen,
überhaupt als solche erkennen könnten.
Ein weiterer Weg der zu beschreiten sein wird, ist der
experimentelle. Die immer genauere Nachstellung der
titanischen Umwelt im Labor wird weitere Erkenntnisse
zur möglichen Entwicklung der Biochemie des Titan
erbringen.